KOLONIALE MÜNZ-BILD-WELTEN
Karibische Gegenstempel auf spanischen Münzprägungen um 1800

Aufgrund der Personalunion zwischen Hannover und Großbritannien (1714-1837) verwahrt das Münzkabinett des Landesmuseums unter seinen Münzen auch zahlreiche Prägungen aus den ehemaligen Kolonien des britischen Empire. Münzen geben als originär gebrauchte Zahlungsmittel – und damit Objekte des Alltagslebens und der Herrschaftsausübung – einen unmittelbaren Einblick in die Verhältnisse und Strukturen kolonialer Wirtschaftssysteme und deren Wandel im Laufe der Geschichte.

Karte von Santa Lucía von 1758 (Foto: Wikipedia).

Unter den zahlreichen Kolonialprägungen des Landesmuseums befinden sich auch einige auf den ersten Blick kuriose Exemplare, wie diese beiden Stücke aus der Karibik (Westindien): Zur Behebung des Kleingeldmangels wurden vor Ort spanische Pesos (Reales) in unterschiedlich große Teile zerschnitten und mit regional verschiedenen Gegenstempeln versehen, die sie im jeweiligen Gebiet umlauffähig machten. Bei den sogenannten „Siedlungskolonien karibischen Typs“ manifestierte sich die koloniale Präsenz zumeist in der Gestalt von Farmern, die mit Hilfe landfremder – zumeist aus Afrika zwangsweise importierter – Arbeitssklaven das Land bestellten und von militärischen Stützpunkten des Mutterlandes (Spanien, Frankreich, Großbritannien oder die Niederlande) geschützt und verwaltet wurden (Osterhammel 2017, S. 17-18).

Das erste Stück (Abb. 1) stammt von der 616 km² umfassenden Insel Saint Lucia (span. Santa Lucía). Sie wurde im Jahre 1500 von Christoph Kolumbus auf seiner dritten Reise (Mai 1498 – November 1500) entdeckt. Zwischen 1650 und 1814 wechselte die Insel ganze 14 Mal zwischen dem Vereinigten Königreich und Frankreich den Besitzer, bevor sie auf dem Wiener Kongress endgültig den Briten zugeschlagen wurde. Die Zerstückelung (cut money) und Gegenstempelung (countermark) des umlaufenden spanischen Geldes fand im Zeitraum 1750 und 1814 statt, so dass sich nicht immer genau sagen lässt, ob das Stück jeweils unter britischer oder französischer Verwaltung gegengestempelt wurde. Die Gegenstempel selbst geben in ihren Bildern keinen genauen Hinweis auf die gegenstempelnde Instanz, sondern nur auf die geographische Herkunft.

Für die Herstellung des vorliegenden Nominalwertes wurden spanische 8-Reales-Stück (in diesem Fall von 1808) in drei Teile geschnitten. Die beiden äußeren (runden) Stücke (ca. 5 g) galten jeweils 2 Livres 5 Sous und das mittlere (rechteckige) Stück (ca. 15 g) entsprach 6 Livres 15 Sous. Der in die einzelnen Teile eingeschlagene rechteckige Gegenstempel trägt jeweils die Inschrift „S : Lucie“ ohne Angabe des Nominalwertes (Montaner o. J., S. 174-178).

Abb. 2: Spanien, Königreich. Carlos IV. (1788-1808). 8 Reales (Jahreszahl nicht erkennbar). Fünftel des Stückes mit Gegenstempel von Saint-Martin: Fünfblättrige Blume. 4,99 g. K./M. vgl. 12.

Das zweite Objekt (Abb. 2) stammt von der zu den Kleinen Antillen gehörenden Insel Saint-Martin (span. Isla de San Martín). Die 87 km² große Insel wurde 1493 am Namenstag des heiligen Martin (11. November) von Christoph Kolumbus entdeckt und gehörte bis 1643 zu Spanien. Anschließend wurde sie bei einem Aufstand spanischer Kriegsgefangener zwischen Niederländern und Franzosen geteilt. Die Legende erzählt, dass jeweils ein Niederländer und ein Franzose die Insel in entgegengesetzter Richtung umrundet hätten, bis sie sich wieder am Strand trafen. Da der Franzose dem Niederländer aber eine mit Gin gefüllte Wasserflasche gegeben hätte, sei der französische Teil letztlich größer ausgefallen. Während der Napoleonischen Kriege wurde die Insel kurzzeitig von den Briten besetzt.

Das im Landesmuseum verwahrte Stück hat einen Wert von 18 Stuiver. Hierfür wurden spanische 8-Reales-Stücke in fünf gleich große Teile von je etwa 5 Gramm zerschnitten und anschließend mit einer fünfblättrigen Blume gegengestempelt. Normalerweise tragen die Stücke noch einen rechteckigen Stempel mit der Inschrift „S MARTIN“, der allerdings bei dem vorliegenden Exemplar fehlt (Montaner o. J., S. 33-34).

Die Errichtung europäischer Kolonien in Übersee verfolgte in der Regel das Ziel der Befriedigung wirtschaftlicher Interessen seitens der Kolonialherren ohne Rücksicht auf die indigene Bevölkerung. Aufgrund dieser weitgehend ökonomischen Motivation lassen sich durch die Untersuchung des Transfers von Rohstoffen und Produkten (Kolonialwaren) auch kulturelle Austauschprozesse gut sichtbar machen (Wendt 2016, S. 17-18). Während die „Biographien“ von kolonialen Handelswaren bereits mehrfach untersucht worden sind, spielten Münzen in der Kolonialgeschichtsforschung bislang noch eine eher untergeordnete Rolle. Die ausgewählten Beispiele aus der Sammlung des Landesmuseums zeigen aber bereits, welch vielschichtige Einblicke man durch die Analyse der Zweitverwertung von Währungen, deren Anpassung an regionale Nominalsysteme und den Gebrauch von Münzbildern ziehen kann. (st)

Weiterführende Literatur

  • Montaner Amorós, Juan: Los Resellos. Las monedas españolas resellados en el mundo, Valencia o. J.
  • Osterhammel, Jürgen: Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen, 8. Auflage, München 2017.
  • Remick, Jerome: The guide book and catalogue of British Commonwealth coins: 1649-1971, 3th edition, Winnipeg 1971, S. 110-111.
  • Standard Catalog of World Coins 1801-1900, 6. Auflage.
  • Wendt, Reinhard: Vom Kolonialismus zur Globalisierung. Europa und die Welt seit 1500, 2. Auflage, Paderborn 2016.

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