FUNDMÜNZBEARBEITUNG IN NIEDERSACHSEN

Im Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege (NLD) in Hannover werden die antiken Fundmünzen aus Niedersachsen von Ulrich Werz bearbeitet. Seit 2020 wird er dabei von Anke Matthes unterstützt. Über die Fundmünzbearbeitung Niedersachsens kann exemplarisch die Einbindung von Forschungsdaten in den Digitalen Denkmalatlas Niedersachsens gezeigt werden. Sie kann somit als Muster für weitere Projekte dienen. Die folgenden Ausführungen sollen einen kurzen Einblick in die laufenden Arbeiten bieten. Zunächst werden einzelne Aspekte der Fundaufnahme dargestellt. Im zweiten Teil werden die Öffentlichkeitsarbeit und die wissenschaftliche Erreichbarkeit der Fundmünzen in Publikation u.a. über den Digitalen Denkmalatlas Niedersachsens beschrieben.

Ensemble von Fundmünzen der römischen Kaiserzeit (Foto: U. Werz).

Einleitung

Bei Fundmünzen ist der Fundort bekannt und im günstigen Fall ein archäologischer Kontext gegeben. Daher müssen bei der Fundmünzaufnahme Angaben zum Fundort und zum archäologischen Kontext zusammen mit der Münze vorgelegt werden. Dadurch wird die Münze zu einem archäologischen Objekt, welches als gleichrangige Quelle neben der Keramik oder anderen Gattungen steht. Fundmünzen sind in der Regel schlecht erhalten, so können nur etwa 50% der Münzen genau bestimmt werden. Demgegenüber sind Sammlungsmünzen durchweg in gutem Zustand, sollen sie doch die Bedeutung der eigenen Sammlung unterstreichen.

Im Jahre 1988 legten Frank Berger und Christian Stoess die antiken Fundmünzen aus Niedersachsen und Bremen in zwei Bänden in der Reihe Fundmünzen römischen Zeit in Deutschland vor. Die Neufunde bis zum Jahr 2006 wurden von Frank Berger und Friedhelm Wulf in Beiheft 12 der Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte veröffentlicht. Danach kam die systematische und flächendeckende Bearbeitung der Fundmünzen weitgehend zum Stillstand.

Publikation antiker Fundmünzen aus Niedersachsen.

Mit den Sondengängerschulungen, die in Hannover seit Anfang des Jahres durchgeführt werden, ist dann auch die Zahl der gefundenen Münzen deutlich angestiegen. Die Aufgabe von Ulrich Werz besteht nun in erster Linie darin, im NLD Strukturen für eine Erfassung antiker Fundmünzen aufzubauen. Um die Bestände an archäologischen Objekten, wozu die Fundmünzen gehören, wissenschaftlich zu erschließen und damit für die Nutzung durch Dritte zugänglich zu machen, müssen die einzelnen Objektgattungen unterschiedlich beschrieben werden. Gefässe, Möbel oder Waffen verlangen andere Beschreibungskriterien als etwa Münzen und Medaillen. Daher müssen unterschiedliche modulare Fachdatenbanken Verwendung finden.

Digitalisierung ist zur Mode geworden, und selbstverständlich werden die digitalisierten Objekte in einer Datenbank erfasst. Entscheidend ist aber nicht deren Digitalisierung, sondern deren Erschließung. Nutzen z.B. verschieden Museen ein gemeinsames Datenbanksystem für ihre Münzen, so müssen die Münzen von jeder Institution auf die gleiche Art beschreiben werden, d.h. es muss eine einheitliche Beschlagwortung vorhanden sein. Nur so können Suchanfragen, über alle eingegebenen Sammlungen hinweg, erfolgreich ausgeführt werden.

Suche ich nach Münzen eines bestimmten Prägeherrn, so müssen die verschiedenen Namensgebungen berücksichtigt werden. Augustus, der erste römische Kaiser, wird auch „Caius Iulius Caesar“ oder „Octavianus“ genannt. Erweitere ich meine Suche um Datenbanken in französischer oder italienischer Sprache müssen die Namensbezeichnungen „Auguste“ oder „Augusto“ ebenfalls miteinbezogen werden.

Augustus der erste römische Kaiser hat den Normdatensatz http://d-nb.info/gnd/118505122 (Foto: Wikipedia).

Heute erfolgt daher die Erschließung der Datensätze mit Hilfe von Normdatensätzen, die weltweit einheitlich sind. Mit Hilfe eines Normdatensatzes ist eine Person eindeutig identifizierbar, gleich ob sie mehrere Namen hat oder einen Namen trägt, der auch von anderen Menschen getragen wird. Ein Normdatensatz zu einer Person enthält daher unter anderem dessen normierte Vorzugsbenennung und die davon abweichenden Namensformen. Die Normdatensätze für Personen sind Teile der „Gemeinsamen Normdatei (GND)“, die von der Deutschen Nationalbibliothek und in Kooperation mit anderen Institutionen geführt wird. Diese Normdaten, basieren auf lokalen, nationalen und internationalen Normdatenquellen und verlinken auf diese. Normdatensätze werden auch von anderen Institutionen und Nationalbibliotheken zur Verfügung gestellt. Jeder Normdatensatz trägt eine eigene Identifikationsnummer. Durch die Identifikationsnummer wird sichergestellt, dass ein Normdatensatz nur einer einzigen Person zugeordnet werden kann. Die Person des ersten römischen Kaisers wird von der GND mit dem Datensatz http://d-nb.info/gnd/118505122 bezeichnet. Neben den verschiedenen Namensnennungen sind in dem Normdatensatz noch Angaben zum Lebensalter, Geburts- und Sterbeort gemacht. Wichtig ist hier die Angabe der Quellen, aus denen diese Normdatensätze gewonnen wurden. Neben den Normdatensätzen für Personen, gibt es noch weitere, etwa für Geographica.

Schema der Linked Open Data (Abbildung: Wikipedia).

Die Verbindung von Informationen, die im Interesse der Allgemeinheit ohne Einschränkungen zur freien Nutzung zur Verfügung stehen, wird als linked open data bezeichnet. Das Prinzip basiert auf vier Punkten und wurde von Sir Timothy John Berners-Lee formuliert.

1) Verwende zur Bezeichnung von Objekten URIs (Uniform Resource Identifier): Die Bezeichnung der Ressource, z.B. „Augustus“, muss eindeutig sein und sich immer auf die gleiche Person beziehen.

2) Verwende http-URIs, so dass sich die Bezeichnungen nachschlagen lassen: Die Ressource muss als eigenständige Internetseite vorliegen und im World Wide Web abrufbar sein.

3) Stelle zweckdienliche Informationen bereit, wenn jemand eine URI nachschlägt: Es sollen weitere Informationen, in diesem Falle zur Person des Augustus, bereit gestellt werden. Im Datensatz des GND werden z.B. noch sein Geburts- und sein Todesdatum genannt.

4) Zu diesen Informationen gehören insbesondere Links auf andere URIs, über die weitere Objekte entdeckt werden können: Dies beinhaltet den Verweis auf andere Normdatensätze anderer Institutionen. (uw)

Den gesamten Artikel zur Fundmünzbearbeitung im NLD können sie hier kostenlos downloaden.

Workflow

Die Münzen gelangen über die die Sondengänger betreuenden Archäologen ins NLD Hannover. Dort wird die Münze bestimmt. Anschließend werden die technischen Daten (Gewicht, Stempelstellung, größter und kleinster Durchmesser, Dicke, Abnutzung und Erhaltung) der Stücke aufgenommen und anschließend wird die Prägung fotografiert.

Tragbares Stativ mit Auflageteller und Beleuchtung.

Die Erfassung dieser Daten erfolgt mit Kenom (Kooperative Erschließung und Nutzung der Objektdaten von Münzsammlungen), welches über eine Schnittstelle mit ADABweb, dem Fachinformationssystem der Niedersächsischen Denkmalpflege, verbunden ist. Zudem wird Kenon auch in der Metasuche des Kulturerbeportals Niedersachsens mit angezeigt. Für die Einstellung müssen die Münzbilder vom Hintergrund freigestellt worden sein. Die fotografische Dokumentation von (Fund)Münzen wurde von Ulrich Werz in dem Buch “Dokumentation von Fundmünzen I. Fotografie“ und in dem Supplement “Dokumentation von Fundmünzen I. Fotografie. Nachtrag: Bilder in KENOM einstellen” beschrieben. In dieser Schrift wird erklärt, wie diese Arbeiten mit DigiCam Control, IrfanView, Gimp, ImageMagick sowie Bimp durchgeführt werden können. Um große Mengen von Bildern in kurzer Zeit bearbeiten zu können, sind verschiedene Wege der Stapelverarbeitung beschrieben. Ein Plugin für die automatisierte Freistellung ist beigefügt. Die Publikation ist open access und steht kostenlos zum download zur Verfügung.

Automatisierte Bearbeitungsprozesse der Bildbearbeitung: Beschriftung des Fotos, Freistellung der Münze vom Hintergrund und ihre Skalierung auf 1:1.

Dieses Plugin ermöglich die automatische Beschriftung der Fotos, die Freistellung der Münze vom Hintergrund und ihre Skalierung auf Originalgröße.

Aufnahme der Münzen in KENOM

KENOM – Virtuelles Münzkabinett.

Im Jahre 2018 wurde beim halbjährlichen KENOM-Treffen beschlossen, dieses Datenbanksystem auch für die Aufnahme von Fundmünzen zu öffnen. Dieser Zeitpunkt war günstig, da easyDb4, die kommerzielle Software der Firma Programmfabrik mit der KENOM läuft, upgedated wurde. Um die neuen Anforderungen, die sich nun durch die Aufnahme der Fundmünzen ergeben, umzusetzen, wurde von Ulrich Werz eine Arbeitsgruppe „KENOM Datenbankfelder‟ gegründet. Sie umfasst insgesamt 13 Teilnehmer, die aus Numismatikern, Archäologen und Informatikern bestehen. Neben deutschen Kollegen sind auch Kollegen aus Österreich und der Schweiz vertreten. Diese Arbeiten sind abgeschlossen. Bei der Erweiterung der Datenbankfelder wird KENOM auch speziell den Niedersächsischen Belangen zur Fundmünzaufnahme angepasst. Die Niedersächsischen Fundmünzen sind ein Teil der Objekte, die im Niedersächsischen Digitalen Denkmalatlas bereit gestellt werden. In diesem Zusammenhang wurde Werz für die Koordination der Datenbankeingabe und die Datenbankpflege im NLD in Hannover angestellt. Da sich die Arbeiten u.a. wegen der Corvid19-Krise verzögert haben, werden die numismatischen Objekte zunächst weiterhin in einer mit FileMaker erstellen Datenbank aufgenommen, deren Felder denen von KENOM entsprechen. Aller Voraussicht nach, dürfte die Datenmigration in der zweiten Jahreshälfte 2021 erfolgen. Sie stehen dann für den Digitalen Denkmalatlas Niedersachsens zur Verfügung.
Mehr über KENOM erfahren Sie hier.

Öffentlichkeitsarbeit

Ende 2019 haben sich Simone Vogt (Münzkabinett Museum August Kestner), Sebastian Steinbach (Münzkabinett Niedersächsisches Landesmuseum Hannover) und Ulrich Werz (Fundmünzbearbeitung NLD) sowie Dirk Wilhelmy (Numismatische Gesellschaft Hannover e.V.) zum Verbund „Numismatik in Hannover“ zusammengeschlossen. Ziel ist es, die Zusammenarbeit der einzelnen Institutionen zu vereinfachen und einen einheitlichen Ansprechpartner für numismatische Fragen zu bieten. Präsent ist „Numismatik in Hannover“ über die gleichnamige Internetseite, die von Anke Matthes und Ulrich Werz unterhalten wird.

Von archäologischer Seite sollen die ehrenamtlichen Mitarbeiter eingebunden und mit Informationen etwa zu anstehenden Sondengängerkursen aktiv in die Denkmalpflege mit eingebunden werden.

Rubrik “Finder und Funde”.

Um das Engagement der ehrenamtlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu würdigen, ist eine Unterseite den Findern und ihren Funden gewidmet. Liefern Sie uns doch nicht nur die für den Fortgang der Wissenschaft wichtigen Artefakte, sondern auch bedeutende numismatische Beifunde wie etwa römische Militärlager.

Wissenschaftliche Publikationen

Fonts for Numismatics
Das Münzbild besteht aus der bildlichen Darstellung und der Umschrift. Beide müssen bei der anschließenden Publikation der Münze möglichst genau wiedergegeben werden.

RIC Font für Windows, Mac, and Unix.

Ein besonderes Problem bereitete dabei die Wiedergabe der Legende, da sie oft ligierte Buchstaben und oder Symbole enthält. In den jeweiligen Publikationen finden sich spezielle Sonderzeichen, die in den gängigen Schriftarten der vorhandenen Schreibprogramme nicht und im Unicode-Zeichensatz nur teilweise und in sehr uneinheitlicher Formaten vorhanden sind. Bei den Münzen, die in den Digitalen Denkmalatlas Niedersachsens einfließen, werden die Sonderzeichen als Codes eingegeben. In anstehenden Publikationen werden diese dann für Gewöhnlich durch individuell erstellte Zeichen ersetzt. Diese Arbeit, die in der Regel von den Layoutern übernommen wird, ist mühsam, langwierig und für die Herausgeber zumeist kostenintensiv.

Um hier Abhilfe zu schaffen wurde die Reihe „Fonts for Numismatics“ ins Leben gerufen. Hier werden die Sonderzeichen, die in den wichtigsten Bestimmungswerken Verwendung finden, als Schriftarten für die Betriebssysteme Windows, Mac und Unix vorgelegt. Die beiden bislang erschienenen Hefte dieser Reihe können Sie hier kostenlos herunterladen.

Die Sonderzeichen lassen sich in verschiedenen Schriftstilen und Farben wiedergeben.

Nach der Installation können die Fonts wie jeder andere Zeichensatz vergrößert, verkleinert, fett, kursiv oder unterstrichen dargestellt und beliebig mit anderen Schriftarten kombinierten werden. Zusätzlich können die Zeichen als skalierbare Vectorgraphiken (svg) mit jedem modernen Browser wie Firefox, Google Chrome, Microsoft Edge oder Safari betrachtet werden. Die Zeichensätze und Begleithefte stehen kostenlos zur Verfügung und unterliegen der Creative Common Licence 4.0 (CC BY).

Online-Zeitschrift OZeAN.

OZeAN
Im November 2018 wurde die Online-Zeitschrift OZeAN (Online Zeitschrift zur Antiken Numismatik) von Achim Lichtenberger, Katharina Martin und Ulrich Werz gegründet. Im deutschsprachigen Raum fehlte bislang eine numismatische Open Access Online-Zeitschrift, in der einerseits Forschungsergebnisse zeitnah publiziert werden können und andererseits die Einbindung von Film- und Tondokumenten, 3D-Scans sowie Datenbanken zur Ergänzung der wissenschaftlichen Texte angestrebt wird.

Bislang wurden in dieser Zeitschrift zwei Artikel veröffentlicht, welche sich mit dem Münzumlauf in Niedersachsen während der Zeit der römischen Okkupation (12 v.Chr.-16) beschäftigen.

Fundmünzen aus Niedersachsen
Im Numismatischen Nachrichtenblatt (NNB), welches seit 1952 von der Deutschen Numismatischen Gesellschaft als Verbandsorgan herausgegeben wird, erscheinen seit Anfang des Jahres 2021 Aufsätze zu geld- und kulturgeschichtlich interessanten und wichtigen Münzfunden aus Niedersachsen.


Logo der Reihe “Fundmünzen aus Niedersachsen”, entworfen von Dipl. Des. Werner Pollak.

Die kleine in loser Folge publizierte Reihe, die “Fundmünzen aus Niedersachsen” (FMN)” betitelt ist, widmet sich einigen besonders bemerkenswerten Münzfunden, die von den ehrenamtlichen Mittarbeiterinnen und Mitarbeitern des NLD gemacht wurden. Die Serie ist eine Initiative der numismatischen Institutionen von Hannover und wird von Sebastian Steinbach, dem Leiter des Münzkabinetts im Landesmuseum Hannover, koordiniert.

Bislang sind folgende Beiträge erschienen:

  • Ute Bartelt, FMN 1: Denar Karls des Großen in der Region Hannover entdeckt, NNB 5/2021, S. 183-184.
  • Daniel Lau, FMN 2: Benno me fecit, eine Münzbrosche aus Rinteln-Möllenbeck (in Vorbereitung).

Fazit

Die wissenschaftliche Erreichbarkeit für weiterführende Forschungen ist über die Aufnahme der Münzen in Kenom gegeben. Zudem wird der numismatische Befund öffentlich zugänglich dokumentiert. Da er vielfach im Zusammenhang mit den im Digitalen Denkmalatlas Niedersachsen vorgestellten archäologischen Denkmälern steht, können die Münzen dort als zusätzliche archäologische Quelle für die zeitliche Einordnung der einzelnen Objekte aufgeführt werden. Über die Internetseite Numismatik in Hannover werden die ehrenamtlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in ihrer Leistung hervorgehoben und so in die Präsentation im Digitalen Denkmalatlas Niedersachsen eingebunden. (uw)

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